Leider haben sich vielfach die Wirtschaftsinteressen von IT-Unternehmen breit gemacht, die natürlich frühzeitigen Medienkonsum – auch digital – födern wollen. Dazu werden fadenscheinige Argumente herangezogen, um Eltern und PädagogInnen zu suggerieren, dass sie die Kinder „Bildungschancen verpassen“ ließen. Dabei gilt es umgekehrt: Wer sind Kind fördern will, bietet ihm reduzierte zweidimensionale Angebote – wie Fernsehen, Smartphone und Computer – erst so spät wie möglich an… so machen es auch die IT-Spezialisten aus dem Silicon-Valley, die ihre Kinder extra auf Waldorf-Schulen schicken. Denn sinnvolle Medienerziehung – wie überhaupt Erziehung – muss sich an der Wahrnehmungsentwicklung der Kinder entwickeln, die neurologischen Gegebenheiten sind inzwischen gut erforscht und setzen uns klare Rahmenbedingungen.

Kindsentwicklung als Leitfaden für die Medienerziehung

Die neuen neurobiologischen Forschungsmethoden, die etwa in die Arbeiten von Gerald Hüther oder Manfred Spitzer einfließen, bestätigen die Erkenntnisse von Entwicklungspsychologen wie Jean Piaget. Die kognitive Entwicklung des Menschen läuft in bestimmten Phasen ab, die zwar durch jeweils angemessene Anregungen verkürzt werden können, aber deren Reihenfolge nicht verändert werden kann. Nach Piaget folgt der frühen sensomotorischen Phase eine präoperative (ca. 2. bis 7. Lebensjahr). Auch wenn hier bereits erstes symbolisches und vorbegriffliches Denken erlernt wird, so sind beide Phasen stark auf die Erfahrung mit allen Sinnen angewiesen. Die Entwicklung etwa von mathematischem Verständnis steht mit räumlichem Erfahren in der frühen Kindheit direkt in Zusammenhang – also mit Überkreuz- und Ganzkörpererfahrung sowie Beinbewegung. In der Stufe der ersten konkreten Operationen (ca. 7. bis 12. Lebensjahr) bleibt das Denken immer noch stark anschaulich. Frühestens in dieser Phase ist es sinnvoll, Bildschirmmedien sehr dosiert einzuführen. Wobei allgemein gilt, je später umso besser – denn kleine Kinder verpassen mit TV, PC, Handy und mp3 mehr als ohne. Bildschirmmedien sind insgesamt ineffektiv, kosten viel Zeit und haben vergleichsweise wenig (Lern-)Effekt. Dass die Entwicklung motorischer Fähigkeiten bei den einzuschulenden Kindern abnimmt, muss alarmieren. Insgesamt nehmen die körperlichen wie sprachlichen Leistungen unserer Kinder ab. Dass hierfür auch zu früher elektronischer Medienkonsum mitverantwortlich ist, erschließt sich aber erst, wenn man die Ergebnisse von Langzeitstudien heranzieht. Immer mehr Kinder – mit und ohne Migrationshintergrund – werden mit verzögerter Sprachentwicklung eingeschult. Neben anderen Faktoren der Vernachlässigung von Kindern erwies sich die Veränderung hin zu einer kinderfeindlichen Umwelt hierfür als entscheidend, was den frühen und zeitraubenden Konsum elektronischer Medien noch begünstigt.

Die Fähigkeiten entwickeln sich – je jünger ein Kind ist, umso mehr – nur im Wechselspiel zu anderen Menschen und durch viel Üben, sprich Wiederholung, also vom Gebrabbel mit einfühlender Rückmeldung bis zum (möglichst unbewachten) Baum- oder Gerüstklettern. Gerade Bildschirmmedien erweisen sich in den frühen Lernphasen oft als kontraproduktiv, weil sie nur reduzierte visuelle Angebote darstellen – kein Geruch, kein Berührungsempfinden, keine Räumlichkeit. Der Bildschirm ist flach und bleibt es auch, so dass das Kind nicht ausreichend räumliche Sinneserfahrungen sammeln kann. Aber auch Hörspiele sollten kritisch unter die Lupe genommen werden. An die Sprachförderung durch das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern oder Vorlesen und Besprechen von Geschichten kommt in dieser Phase der Kindheit kein anderes Medium heran. Und bei Hörkassetten/-CDs fehlt einfach der verbale Austausch, den das Kind aktiv mitgestaltet. Darum gilt hier wie dort, so spät wie möglich und so dosiert wie nötig – d. h. als Ergänzung zu Vorleseangeboten sind auch Tonträger geeignet, aber nicht als Ersatz.

aus: Kapitel 2 von Schiffer, Sabine (2013): Bildung und Medien. Was Eltern den Pädagogen wissen müssen.