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Interview: Was läuft falsch in der Berichterstattung?

WDR, Funkhaus Europa, Interview vom 29.09.2016

Die Deutschen haben ein neues Feindbild: den Islam. Jeder vierte Deutsche würde die Zuwanderung von Muslimen am liebsten verbieten. Mehr als die Hälfte hält den Islam für bedrohlich. Medienpädagogin Sabine Schiffer sagt: Kein Wunder. So, wie in den Medien über Muslime berichtet wird.

Frau Schiffer, was läuft bei der Berichterstattung aus Ihrer Sicht falsch?

Sabine Schiffer: Da ist in der Vergangenheit schon Einiges schiefgelaufen. Man kann feststellen, dass unser Islambild im Wesentlichen durch die Auslandsberichterstattung der 1980er- und 1990er-Jahre geprägt wurde. Da haben alle Medien, egal welcher politischen Couleur und welcher Größe, immer wieder die Themen Islam und Terrorismus miteinander verbunden.

Da war dann beispielsweise von einem Anschlag in Ägypten die Rede und dazu wurden Bilder von Kopftuch tragenden Frauen gezeigt. Oder Moscheebilder oder Gebetsbilder. Wir haben da eine gewisse Reduktion was die Islamwahrnehmung anbelangt. Dass es nämlich sehr häufig gar nicht um Religion und Islam ging, sondern um Themen der Auslandsberichterstattung, Extremismus, Dinge die schieflaufen. Was ja nun mal die Berichterstattung macht, die Dinge, die schieflaufen zu berichten. Aber eben verknüpft mit den Symbolen des Islams. Und das ist das, was heute an den Symbolen haftet. Weshalb zum Beispiel so ein Kleidungsstück so emotional diskutiert wird. Eigentlich vollkommen neben der Sache, was die Situation von Frauen weltweit anbelangt.

Wie hat sich das in den letzten Jahren verändert?

Sabine Schiffer: Das hat sich eigentlich schon 2004 verändert. Als in den Niederlanden dann tatsächlich ein Anschlag von einem jungen Muslim auf Theo van Gogh, den Filmemacher, stattfand. Ein Täter, der, sozusagen im Namen seiner Religion, als junger Niederländer marokkanischer Herkunft diesen Filmemacher umgebracht hat, der sehr polemisch gegen den Islam agitiert hat – was natürlich keinen Mord rechtfertigt! Da ist zum ersten Mal der Blick auf „unsere Muslime“ gefallen, vor allem auf die türkischstämmigen.

Jetzt sind es etwas mehr durch die sogenannte Flüchtlingsdebatte. Aber in Wirklichkeit hat das nicht so viel ausgemacht. Wir haben natürlich mehr Terrorberichterstattung, weil es auch mehr Terror gibt. Und wir haben so ein bisschen einen Bug in der Berichterstattung: Wenn es ein Muslim ist, der Terror verübt, dann ist das automatisch ein islamistischer Terroranschlag. Bei anderen Tätern sind es dann eher Amokläufer oder Einzeltäter. Da haben wir ein Zuweisungsproblem in der Berichterstattung. Das verstärkt natürlich die Ängste und diesen Eindruck bei den Leuten, die sich ganz stark von Medienbildern leiten lassen und meistens auch keine Muslime selber kennen.

Was würden Sie sich denn wünschen für die Berichterstattung über Muslime?

Sabine Schiffer: Naja, über Muslime sollte man dann berichten, wenn es um Islam und Muslime geht. Wir haben ja sehr oft den Fall, dass da Dinge vermischt werden, die vermeintlich einen Bezug habe. Aber wenn man sich mal die Terrorverteilung auf der Welt anschaut, stellt man natürlich fest, dass man so eine Verknüpfung – Terror und Islam – eigentlich nicht herstellen kann.

Da gibt es genügend verrückte Menschen überall. Die Themen Muslime, Islam, religiöse Integration… also: Sind wir ein säkularer Staat? Wollen wir das bleiben? Oder wollen wir lieber ein laizistischer Staat werden, wo Religionen nicht mehr organisiert und geschützt werden? Das wäre eigentlich eine Debatte, die wir führen könnten. Und andererseits: Wenn es um Konflikte geht in der MENA-Region, also „Middle East and Nord Africa“, also Naher Osten beispielsweise, dann sollten wir auch geopolitische und geostrategische Interessen als solche benennen und nicht so tun als wären die Konflikte welche zwischen Sunniten und Schiiten.

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Ukraine und Türkei: Wortwahl und Manipulation

Medienpädagogik für Eltern von Teenagern

Natürlich wäre es schön gewesen, wir hätten alle das Fach Medienbildung in der Schule gehabt und es wäre nicht dem Zufall überlassen worden, wer was von welcher engagierten Lehrkraft erfährt oder nicht. Die Einführung eines systematischen Lehrplans zur Medienbildung mitsamt der Ausbildung von Fachlehrkräften und der Verfügbarkeit von evaluiertem didaktischem Material wird für eine Demokratie unumgänglich sein, die auf das Nachdenken über Meinungsbildungsprozesse angewiesen ist. Derweil ist man auf Selbsthilfe angewiesen.

Am Anfang steht das Wort

Wer schon Kinder im Alter weiterführender Schulen hat, kann ganz aktuell am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung die Mechanismen medialer Desinformation erarbeiten. Dazu bedarf es eines gewissen Grundwissens über das Potential von Benennungen. Je nach Entscheidung für ein Wort oder ein anderes, wird eine bestimmte Perspektive auf das zu Beschreibende geworfen. Wenn etwa von „OSZE-Beobachtern“ die Rede ist, dann impliziert die Bezeichnung eine offizielle Beauftragung durch die OSZE, die als übernationale Organisation über große Anerkennung verfügt. Die entführten so genannten „OSZE-Beobachter“ wurden aber gar nicht von der OSZE entsandt, wie man der gängigen Berichterstattung entnehmen kann – wenn, ja wenn man die Geduld aufbringt, nicht nur die Überschriften zu lesen, sondern auch mal die Texte bis zum – bitteren – Ende.

Etwa auf spiegel.de heißt es am 26.04.2014 im unteren Mittelfeld des Artikels versteckt: „Die OSZE sei aber nicht der Verhandlungspartner für die prorussischen Kräfte, da es sich bei den Festgehaltenen nicht um Mitglieder der eigentlichen Beobachtermission handle. Es sei eine bilaterale Mission unter Leitung des Verifikationszentrums der Bundeswehr auf Einladung der ukrainischen Regierung. Daher würden Verhandlungen durch die Bundesrepublik geführt, sagte Neukirch.“

Und auf tagesschau.de klingt es ähnlich am 26.04.2014: „Die deutschen Beobachter wurden vom Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr entsandt. Sie sind uniformiert, aber nicht bewaffnet.“

Begriffe übertünchen Fakten

Dennoch ändert dieses Eingeständnis nichts an den Überschriften des jeweiligen Beitrags und auch nichts an der folgenden Berichterstattung in den meisten Medien, wo zwar manchmal auf den Begriff „Militärbeobachter“ ausgewichen wird, aber die „OSZE-Beobachter“ noch oft genug vorkommen und einen falschen Eindruck von der Situation vermitteln. Dass sich inzwischen die OSZE eingeschaltet hat, mag die Manipulation übertünchen helfen. Dass Interesse daran besteht, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auch UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon die falsche Bezeichnung verwendet – etwa in seiner Pressemitteilung vom 28.04.2014. Und nun mag sich mancher verwundert fragen, warum wohl eine Untersuchung anberaumt ist, wo es sich doch nach wie vor in der Berichterstattung um angeblich rechtmäßig entsandte „OSZE-Beobachter“ handelt.

„Aggressiver“ Gauck und „mutiger“ Erdogan?

Vergleiche der Benennungspraxis gegenüber verschiedenen Personen sind auch oft erhellend. So konnte man während des Besuchs des Bundespräsidenten in der Türkei die stereotypen Zuweisungen vorbildlich studieren: Während Gauck als „mutig“ und „offen“ gelobt wurde – wohlgemerkt, seine kritischen Anmerkungen gegenüber der türkischen Regierung – wurde Erdogan in den deutschen Medien gerne mit Begriffen wie „wütend“ und „aggressiv“ belegt. Man vergleiche die Aussagen der beiden Politiker und mache vielleicht einmal eine Gegenprobe – sprich, tauscht die Beurteilungen aus – um zu prüfen, wieweit die subjektive Gestaltung von Journalistenseite aus betrieben werden kann.

Wie wenig solche Zuweisungen oft mit der Realität zu tun haben, lässt sich an einem Vergleich der Wortwahl gegenüber Obama und Putin ermitteln. Während die USA mit über 1000 Militärbasen weltweit eindeutige Vorreiter sind, im Gegensatz zu 25 russischen außerhalb des eigenen Landes, sind die gewählten Worte für Obama durchwegs positiver als die für Putin. Letzterem schreibt man gerne „Sowjetrhetorik“, „Großmachtgehabe“ und „Drohgebärden“ zu. Obama hingegen werden „Visionen“, „Wahrheit“ und „Redlichkeit“ bescheinigt. Hier mag sich der Kreis zur aktuellen Ukraine-Berichterstattung schließen.

Anzuwenden sind derlei Nominationsanalysen auf alle Themenfelder, denn natürlich macht es einen Unterschied, ob ich einen Bombenleger als „Terrorist“ oder als „Freiheitskämpfer“ bezeichne.